Durchs achte Glas gesehen

 

Manchmal denke ich daran, wie du sein wirst mit siebzig. Zuerst versorgst du die Katzen, dann sitzt du am Tisch,
schenkst dir einen ein. Du warst schön, jetzt bist du verschroben. Der Vormittag vergeht mit deinem Blick auf das Tischtuch
aus Wachs. Was gibt es zu erinnern? Die Katzen schleichen in die Schatten der Möbel zurück.
Wieder so ein Tag oder was war los? Gegen zwölf bringt der Ausfahrer das Essen warmgehalten in der Silberfolie.
Du betrachtest ihn mit Misstrauen. Er ist so oft ein anderer. Ist sein Job bei der Wohlfahrt vorbei, geht er zur Universität.
Für dich aber bleibt der Nachmittag sehr lange da. Das Fernsehprogramm ist mehr für junge Leute.
Ein Schnäpschen in Ehren.
Damals, aber wann, gefielen dir die Lieder besser, was immer sonst passiert ist. Die Katzen streichen aus dem Dunkel
ins Helle der Nachttischlampe, die du einschaltest.
Ein Schnäpschen in Ehren. Es ist das dritte oder auch nicht. Später, im Bett, der lange Blick zur Zimmerdecke.
Wo warst du heute abend vor dreißig Jahren? Morgen früh versorgst du zuerst die Katzen.

Jürgen Theobaldy